Texte N° 10

Wandervogel
Hans Fallada

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Hans Fallada

geboren 1893
gestorben 1947

Werke :

Bauern, Bonzen und Bomben 1931
Kleiner Mann, was nun ? 1932

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Im vorliegenden Text beschreibt der Verfasser, Hans Fallada, eine Bewegung der deutschen Jugend, die um das Jahr 1900 gegründet wurde, um das Leben inmitten der Natur wieder zu entdecken aber auch um sich gegen die Sitten der Eltern und der Erwachsenen aufzulehnen.

Dieser Textausschnitt gliedert sich in 3 Teile :

  1. Vom Anfang bis zur Zeile 7 : Definition dieser Bewegung

  2. Zeile 8 bis 17 : Erlebnisse dieser Jugendlichen

  3. Zeile 18 bis zum Ende : Reaktion der Erwachsenen

Der Wandervogel ist ein 1896 gegründeter und 1933 aufgelöster deutscher Jugendbund. Heute ist es auch jemand, der ein unstetes Leben führt und nicht seßhaft werden kann.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert werden Deutschland, England und Frankreich moderne hoch industrialisierte Länder. Viele Bauern verlassen das Land und ihre Heimat, um sich in den großen Städten anzusiedeln und um dort ihr Brot zu verdienen. Moderne und riesige Arbeitersiedlungen werden für sie gebaut.

Auf der anderen Seite wird das Bürgertum immer reicher und mächtiger : es hat seine eigene Moral (Konservatismus), die sich von jener der Arbeiter und Jugendlichen unterscheidet.

In diesem historischen Zusammenhang sehnt sich die deutsche Jugend nach Freiheit und Natur, im Gegensatz zur konservativen Gesellschaft, die in der Stadt ihr gewinnbringendes Gewerbe betreibt. Viele Jungen und Mädchen werden sich also in Gruppen zusammentun, um sich völlig von den sozialen Gruppen der Eltern zu unterscheiden. Es gibt also ohnehin schon Generationskonflikte am Ende des 19. Jahrhunderts !

1 - Definition

  • heute spricht man fast nicht mehr von dieser Jugendbewegung ; sie spielt keine Rolle mehr und man hat sogar das Wort 'Wandervogel' vergessen.
  • sie empören sich gegen die Erwachsenen und die Bourgeoisie, die den konservativen Stand der Gesellschaft bildet und gegen ihren Kastengeist. Eine Kaste ist ein Stand, der von anderen Ständen abgeschlossen ist, mit strengen gesellschaftlichen Normen. Im 19. Jahrhundert bildeten beispielsweise die Offiziere der Reichswehr eine Kaste, weil sie dem Adel angehörten und besondere Vorrechte und Privilegien besaßen. Natürlich wurde dies nicht gesagt : es wurde nur die Idee erwähnt, die hinter diesen Wanderungen steckte.

Sie wollten sich auch noch von den Erwachsenen unterscheiden : ihr Äußeres (Kleider) und ihr soziales Benehmen (Sitten) sind natürlich völlig anders.

2 - Die großen Wanderungen

Den jungen 'Stürmern und Drängern' des 18. Jahrhunderts ähnlich, dessen Motto 'Los von der Kultur, zurück zur Natur' lautete, wollen sie das Joch der bürgerlichen Gesellschaft abschütteln. Der 'Sturm und Drang' ist eine literarische Bewegung (um 1885), deren Hauptvertreter Herder, Gœthe und Schiller waren : diese Bewegung war auch eine Reaktion, eine Auflehnung gegen die 'Aufklärung' und gegen ihre strengen Normen im Bereich der Kunst und der Literatur im Namen der Freiheit der Künstler.

  • zunächst bemerkt man, daß sich die Wandervögel von den Spießbürgern und Erwachsenen fernhalten wollen : die Spaziergänge durch den Wald am Sonntag für die einen, die großen Fahrten durch das Land für die anderen.
  • alles, was nicht echt deutsch ist, kommt ihnen fremd vor : Tabak leitet sich vom Spanischen ab, Alkohol vom Arabischen und Poussieren vom Französischen und sind darüber hinaus asoziale Reizmittel und Benehmen.
  • sowie die Schüler des Mittelalters oder die Lehrlinge, die bei einem Meister arbeiten wollten und bei ihm in die Lehre traten, ging man durch das Land auf der Suche nach neuen Erlebnissen.
  • die Mandolinen und Gitarren sind Musikinstrumente des einfachen Volkes im Gegensatz zu dem Klavier oder der Geige, die man in bürgerlichen Familien spielte. Mit diesen Instrumenten spielten sie Volkslieder : sie waren im 18. Jahrhundert von den 'Stürmern und Drängern' sehr beliebt, weil sie die deutsche Seele und den echten deutschen Charakter widerspiegelten den Charakter des deutschen Volkes wie es ursprünglich war und wie es sich bis damals unverändert aufrechterhalten hatte. Diese Lieder waren also typisch deutsch und ohne fremden Einfluß. Man kann schon den nationalistischen Charakter dieser Jugendbewegung beobachten.
  • die Wandervögel sind auch zum Teil Frauenfeinde : die Mädchen sind nur da, um den Wandervögeln zu helfen und zu dienen.
  • (Zeile 1820) Im Gegensatz dazu wollen die Wandervögel echte Männer sein : winters tragen sie keine warmen Kleider.

Zusammenfassend wünschen sie : Kameradschaft, männliche Tugenden, Heimatliebe, die deutschen Wurzeln der deutschen Kultur und Vergangenheit wiederfinden und machen überhaupt nichts, um die Frauenemanzipation zu befördern ! Das sind einige der Elemente, die diese Bewegung kennzeichnen.

3 - Reaktion der Erwachsenen

Sie werfen dieser Jugendbewegung vor, daß sie die guten Sitten der bürgerlichen Gesellschaft verletzt. Es ist der typische Generationskonflikt : die konservativen Kräfte haben oft Angst davor, daß dem Volk und der Jugend zuviel Freiheit gegeben wird. Es wurde sogar verboten, Wandervogel zu sein aber es half überhaupt nichts.

Im Jahre 1933 wurden die Wandervögel aufgelöst, als die Nazis an die Macht kamen und Nazibewegungen wie der Hitlerjugend angeschlossen.

Manche von ihnen gehörten generell dann zwangsläufig dieser Hitlerjugend an. Es fiel aber manchen von ihnen relativ leicht, diesen Schritt zu tun, insofern sie in den neuen Verbänden, die von den Nazis kontrolliert wurden, in gewisser Hinsicht manchmal die ähnlichen Lebensauffassungen und Strukturen darin wiederfanden.